2006 Protest gegen Berliner CSD-Motto


2006 Protest gegen Berliner CSD-Motto

Offener Brief Zu dem Motto des Berliner CSD 2006


Sehr geehrte Damen (?) und Herren des CSD e.V., sehr geehrter Herr Kastl,

mit Erschrecken haben wir der Taz entnommen, dass das Motto des nächstjährigen CSDs ein Teil der deutschen Nationalhymne sein soll.

Dass es eine Provokation darstellt, haben Sie ja selbst bereits festgestellt. Über die Aussage, die damit tatsächlich getroffen wird, sowie über die Folgen sind Sie sich offensichtlich nicht bewusst geworden. Erlauben Sie uns daher einige Anmerkungen.

Grundsätzlich ist der CSD eine internationale Veranstaltung. Es soll dabei eben nicht um Einschränkungen durch Nationalitäten gehen. Im Vordergrund sollte das Erkämpfen von menschenwürdigen Lebensbedingungen für weltweit alle Lesben und Schwulen stehen. Wie wollen Sie das erreichen, indem Sie aus der Nationalhymne eines Landes (und zwar des eigenen) zitieren?
Wie wollen Sie ausgerechnet für die Einigkeit der "Regenbogenbewegung" werben, wenn genau diese Forderung massenhaften Protest auslöst? Definieren Sie, wer zu dieser Bewegung dazugehören darf? Demnach scheint Ihre Definition von Freiheit auch mit dem Begriff "Beliebigkeit" besser getroffen zu sein.

Bitte beachten Sie, dass der "Marsch in den Mainstream" nur von einem Teil der Lesben und Schwulen gewollt wird. Die meisten wollen nach unserer Wahrnehmung mehr- nämlich ein besseres Leben für alle Menschen, auch für Heterosexuelle, indem Respekt und Akzeptanz für alle Lebensformen erkämpft wird. Das Tolerieren von Lesben und Schwulen allein aufgrund der Übernahme der heterosexuellen Sitten wie der Ehe will nur eine Minderheit. Eine Anpassung im Sinne von "wir sind doch eigentlich wie ihr" der Lesben und Schwulen würde sämtliche erkämpften Erfolge der letzten Jahrzehnte von feministischer und kritischer schwullesbischer Seite über Bord werfen.

Hinzu kommt, dass Ihr Motto auf viele hierzulande illegalisierte homosexuelle Menschen, die keine Aufenthaltsgenehmigung in Deutschland erhalten, wie blanker Hohn wirken muss.

Eine Politisierung der Schwullesbischen "Szene" zu fordern ist ein wichtiges Anliegen, aber in der Form, wie Sie es tun, negieren Sie die bestehenden politisch aktiven, kritischen Gruppen, Initiativen und Personen. Wenn eine Politisierung durch Anpassung und Anbiedern an den (heterosexuellen) Staat geschehen soll, dann bitte nicht im Namen der "Einigkeit der Regenbogenszene"!
 

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