2012 CSD Motto veranlasst Intervention, fernzubleiben


2012 CSD Motto veranlasst Intervention, fernzubleiben

Offener Brief

Lieber Vorstand, liebe Aktive des Hamburg Pride e.V.,

Euch ist sicherlich aufgefallen, dass der Lesbenverein Intervention in diesem Jahr beim CSD nicht mit einem Stand oder auf der Parade vertreten sein wird. Der Grund dafür ist ein inhaltlich-politischer, den wir Euch auf diesem Wege mitteilen möchten. Wir hoffen, dass unsere Kritik bei einigen für mehr Bewusstsein sorgt.

Bei aller Kritik, die Intervention auch in den vergangenen Jahren teilweise am CSD bzw. seinen Mottos hatte, war uns immer noch möglich teilzunehmen. Das ist in diesem Jahr anders, denn das diesjährige Motto "Ehe 2.0 - Nach den Pflichten jetzt die Rechte!" hat bei uns für Entsetzen gesorgt. Ihr zitiert Euren Ersten Vorsitzenden Dr. Lars Peters:
"Die so genannte 'Homo-Ehe' ist eine Worthülse die verschleiert, dass homosexuelle Paare auch heute noch benachteiligt werden. Unterschiede existieren etwa im Adoptions- und Einkommenssteuerrecht (...)."

Damit benachteiligt ihr die vielen LGBT, die ihre (Menschen-)Rechte nicht in der Ehe erschöpft sehen. Die Gründe, nicht zu heiraten, sind vielfältig. Dieses Lebensmodell ist glücklicherweise nicht mehr der Weg, den Frauen wählen müssen und heute nicht mehr der Weg für alle. Die gesellschaftliche Öffnung für andere Lebens- und Beziehungsmodelle seit den 1950er Jahren hat übrigens stark dazu beigetragen, auch als LGBT offen leben zu können.

Die Eingleisigkeit der diesjährigen CSD-Forderung ist ignorant der Vielfalt der eigenen "Community" gegenüber. Wir haben schon oft erlebt, dass das Umfeld mit den Worten "Was wollt ihr denn, ihr könnt doch (sogar) heiraten" reagiert und jegliche genderpolitische Diskussion erstickt. Auch viele Lesben selbst deuten ihr Ungeoutetsein am Arbeitsplatz als Freiwilligkeit, und gehen in einem diffusen bunten Toleranz-Gefühl unter. In diese Kerbe schlägt die "Ehe 2.0". Dieses Motto weitet nicht den Blick, sondern exkludiert in den eigenen Reihen.

Ganz abgesehen davon ist das Thema Einkommenssteuerrecht nach wie vor hauptsächlich für Männerpaare interessant - Frauen haben noch immer deutlich weniger Geld.

Für uns ist das diesjährige Motto nicht ein "kämpferisches Motto", sondern äußerst reaktionär. Die drängenden Baustellen und Rechtsverletzungen liegen in ganz anderen Bereichen (z. B. die Situation an Schulen). Da ist es aus unserer Sicht fatal, wenn der CSD, der Lobby und Möglichkeit hat, sichtbar nach außen hin zu formulieren und zu fordern, nur einen anachronistischen Baustein dieses Staates im Blick hat, der zudem auch von Heterosexuellen zunehmend in Frage gestellt wird. Statt überholtes Gestriges zu fordern, wäre eine zeitgemäße Gender-Debatte wünschenswert, die nicht eingleisig daherkommt, sondern neue Wege für wirkliche Vielfalt eröffnet.

Daher fordert Intervention e. V. seit langem "Gleiche Rechte für alle Lebensformen!".

In diesem Sinne kritische Grüße

Aktive vom mittlerweile 30jährigen Lesbenverein Intervention

 

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